Warum ein besonderes Angebot für Männer?

Im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion um sexuellen Missbrauch an Jungen in kirchlichen Einrichtungen und Privatschulen haben sich deutlich mehr von sexueller Gewalt betroffene Männer an die vorhandenen Frauenberatungsstellen gewendet als zuvor. Dabei wurde sichtbar, dass es kaum spezifische Beratungsangebote für Männer gibt, in Schleswig-Holstein bisher keins. Das entspricht der besonderen Tabuisierung der Tatsache, dass es sexuellen Missbrauch an Jungen und Männern gibt. Ungefähr jeder zehnte Mann wurde in seinem Leben einmal oder mehrfach sexuell missbraucht. Für Jungen und Männer gibt es spezifische Anforderungen bei der Verarbeitung eines solchen Missbrauchs. Die Erfahrung, sich als Opfer nicht wehren zu können, widerspricht den gesellschaftlichen Rollenerwartungen an einen Mann. Die Verleugnung des Themas in der Gesellschaft macht es zusätzlich schwer, über das erfahrene Leid zu sprechen. So werden Scham und Unsicherheit bei betroffenen Männern verstärkt und es treten häufig Fragen in dieser oder ähnlicher Form auf:

  • Bin ich normal?
  • Bin ich selber schuld?
  • Bin ich ein „richtiger“ Mann?
  • War das ein sexueller Missbrauch?
  • Was passiert, wenn ich mit jemandem darüber spreche?
  • Bin ich schwul oder werde ich es jetzt?
  • Haben meine Probleme etwas damit zu tun?

„Erwachsenen Männern, die als Junge Opfer sexueller Gewalt geworden sind, ist dies nicht anzusehen: Einige sind sehr kontaktfreudig - andere zurückgezogen. Manche sind extrem klammernd – manche lassen sich auf keine feste Beziehung ein. Der eine ist die Ruhe selbst – der andere extrem wechselhaft und launisch. Männer, die als Junge sexueller Gewalt ausgesetzt waren, sind Männer wie alle anderen auch: Jeder ist verschieden. Und jeder Mann hat ein Recht auf Unterstützung, wenn er sich in einer schwierigen Lage befindet, egal ob die entsteht, weil Erinnerungen wach werden, hochkommen oder ob er aktuell mit einem Partner(in) konfrontiert ist, bei dem / der alte Sachen hochkommen.“ (Mit freundlicher Genehmigung von Tauwetter e.V.)

Uns ist es wichtig, dass das Schweigen gebrochen wird. Damit wird den betroffenen Männern der Zugang zu Hilfen erleichtert. Durch eine stärkere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verbessern sich die Chancen, Hilfsangebote zu schaffen und zu erhalten. Und nicht zuletzt wird es den Tätern schwerer gemacht, da die Geheimhaltung nicht mehr so gut funktioniert.